Das letzte Interview von Ivan “Ivica” Osim aus der Sicht der Dolmetscherin

Der gebückte Mann mit den eingefallenen Wangen und hervorstehenden, slawischen Wangenknochen, der von seiner Frau Asima liebevoll gestützt und mit den Worten “Hajde, Švabo“ in den Interviewraum begleitet wird, erinnert mich stark an meinen Großvater, der genauso groß und schlank war, die gleiche Gangart hatte, die gleichen Wangenknochen, die gleichen, blaugrauen, intelligenten Augen. Vielleicht ist es auch der Lebensgeist, oder die Lebensweisheit, die er ausstrahlt. Dann sagt er sein erstes Wort, und ich erkenne die bekannte Stimme aus dem Fernsehen, die Stimme des jugoslawischen Nationaltrainers wieder, die da spricht in einem nur Ivica Osim eigenen Ton, irgendwo zwischen liebevollem Verständnis und väterlicher Strenge. Ich sehe meinen eigenen Vater vor mir, wie er in unserem Wohnzimmer, im Jahr 1990 in Jugoslawien, mit dem Nationalteam mitfiebert, immer wieder vom Sofa hochspringt, sich an den Kopf greift und mitbrüllt. Dann komme ich wieder in die Realität zurück und sehe vor mir den Trainer von Sturm Graz, der so manchem ORF-Reporter einen mürrischen Kommentar in slawisch hartem Deutsch abgegeben hat. Die Größe dieses Menschen überwältigt mich. Unbewusst beschleicht mich das Gefühl, dass dieser Augenblick in die Geschichte eingehen wird. Ich atme aus und denke mir, „Grozdana, das ist ein einmaliger Augenblick, konzentriere dich jetzt und liefere die beste Dolmetschung, die du nur kannst!“. Sprich: Vermassle es ja nicht, das verzeihst du dir nie!

Das Gespräch beginnt, und ich komme in den Fluss, allmählich bringe ich die Gesten und Handbewegungen des großen Trainers mit seinen minimalistischen, fast wortkargen Aussagen, die von dem Mitgemeinten und Nichtgesagten leben, in Verbindung. Vor mir sitzt ein Mensch, der in jeder Geste, in jeder Sprechpause, in jedem Seufzer eine ganze Welt, eine ganze Ära, eine ganze Geschichte zum Ausdruck bringt. Die verbale Kommunikation stellt für ihn nur einen Bruchteil dessen, was er sagen kann und will. Es ist ganz viel Resignation und Akzeptanz dabei, wenn er seine rechte, nach dem Schlaganfall noch bewegliche Hand zu einer abwehrenden Bewegung hebt, als wollte er sagen: „Das ist Schnee von gestern“. Ab und an nimmt er sich eine bewusste Sprechpause und zieht dabei die Mundwinkel ganz leicht nach oben, zu einem fast unmerklichen Lächeln, mit dem er den ganzen Raum mit Wohlwollen und Toleranz des Älteren und Klügeren füllt. Was er ausspricht ist „Ja, ich habe mit den Spielern alles Mögliche durchgemacht“, was er tatsächlich sagt ist „Ich war wie ein Vater zu ihnen, und sie waren meine Kinder“.

Meine Güte, wie werde ich als Dolmetscherin einem solchen Menschen gerecht? Mein einziges Medium ist die Sprache. Das Gesagte ist jedoch nur ein kleiner Teil der Botschaft, und obwohl die Interviewer eine andere Landessprache als Osim sprechen, komme ich mir überflüssig vor. In dem Augenblick fällt mir der ermahnende Rat einer lieben Dolmetschkollegin und Mentorin ein, den ich erst jetzt völlig begreife: „Die Dolmetscherin darf sich selbst nicht wichtig nehmen, die Kommunikation ist wichtig!“. Genau.

Ein Blick zu Frau Asima Osim, die neben mir sitzt, hilft mir, auf dem Boden zu bleiben. Ihre Hände ruhen still in ihrem Schoß, während sie mit Engelsgeduld das Interview verfolgt. Nur der sorgenvolle Blick, den sie gelegentlich auf ihren geliebten Mann richtet, verrät ihre Anspannung. Sie und ihr Mann ähneln sich, wie so viele Paare nach langen Jahren der Ehe. Beide wirken unheimlich stark und zerbrechlich zugleich, sie strahlen eine unantastbare Würde aus, aber sie sind das Gegenteil von unnahbar: sie sind spontan, herzlich, bescheiden, so einfach wie du und ich. Und dann, wiederum, so voller aufrichtiger Liebe für einander und für die Menschen aller Nationen, Religionen und Hautfarben, dass sie etwas ganz Besonderes sind.

In der Pause zeigt Asima mir alte Familienfotos, Trikots berühmter Spieler, das Geschenk des Sturm Graz zu Ivan Osims 80. Geburtstag. „Volimo te, Ivane“, steht auf dem Schal in der Sprache, von der ich nicht einmal weiß, wie Osim selbst sie nennt: Serbokroatisch, Jugoslawisch, Bosnisch, Kroatisch? Mit dem Krieg im multiethnischen Jugoslawien und seinen Folgen, scheint der Mathematiker und Lebensphilosoph Osim keinen Frieden schließen zu wollen. Kroaten, Bosnier, Serben, sie alle leben zusammen, hier in Graz sind alle miteinander befreundet, und das macht sie stark. Das ist die Hauptbotschaft, die er nicht müde wird, während des Interviews mehrfach zu wiederholen.

„Sie lieben ihn alle, sie lieben ihn zu sehr“, sagt Asima und deutet auf den Schal. Dann blickt sie auf die Uhr. Morgen, Samstag, soll die Tochter aus Sarajevo kommen, die sie seit zwei Jahren nicht gesehen haben, und sie, die Mutter, habe noch nichts vorbereitet. Das ist der Augenblick, in dem ich mich zu den Hunderttausenden Fans dazugeselle und das Ehepaar Osim endgültig in mein Herz schließe. Sie beide, denn als Frau weiß ich, dass ein Mann im Leben nur so viel zustande bringen kann, wie seine Frau bereit ist mitzutragen, und deswegen ist Asima meine persönliche Heldin.

„Weine nicht, Mama“, sagt meine Tochter am Sonntag, 1.5.2022, als uns die Nachricht von Ivica Osims Tod erreicht, und legt ihre Arme um mich. Sie kann nicht ahnen, dass das Ehepaar Osim schon nach wenigen Stunden einen tiefen Eindruck hinterlässt, dass sie Hoffnung auf eine bessere Welt machen und in gewisser Weise die nationalismusbefreite, universelle Lebensweise in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens repräsentieren. „Sie kümmern sich so wunderbar um Ihren Mann, um Ihre ganze Familie“, hatte ich zum Abschied zu Asima gesagt. „Das ist halt so“, meinte sie bescheiden. „Aber wie wird es sein, danach?“ fügte sie fast lautlos hinzu und zuckte leicht mit den Achseln.

Ja, wie wird es sein, nach Ivica Osim? Für die Familie Osim. Für den Fußball. Für die Nachfolger Jugoslawiens? Für mich als die Dolmetscherin, die Ivica Osims letztes Interview dolmetschen durfte, wird mein Beruf viel menschlicher und emotionaler sein. Die Art und Weise, wie sie mit mir umgegangen sind, hat mir vor Augen geführt, dass wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher für unsere Kunden und Mitmenschen weder unsichtbar sind, noch sein sollen. Das ist ein Irrtum über unseren Beruf, dem wir selbst erliegen. Wir haben Gefühle, und die sind kein Hindernis, sondern sie ermöglichen uns erst, die Kommunikation in ihrer Gesamtheit zu begreifen und unsere Aufgabe gut zu machen. Mein aufrichtiger Dank an Asima und Ivan Osim für diese Lektion.

Ruhe er in Frieden.

Erfolgreiche Kommunikation basiert auf einer gemeinsamen Sprache!

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