Vedrana Rudan

Ich wichse, also bin ich

oder: Wer sind die (kroatischen) Männer?

Titel des Originals: Drkam, dakle postojim

Dieser Text wurde Vedrana Rudans - noch nicht ins Deutsche übersetztem - Buch „Wenn die Frau eine Nutte ist/Wenn der Mann eine Schwuchtel ist“ (”Kad je žena kurva/Kad je muškarac peder”) entnommen. Der Text ist im Original hier nachzulesen.

Dies ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache und erfolgt mit Erlaubnis der Autorin.

Aus dem Kroatischen von Grozdana Bulov.

Mein Mann liest die Zeitung im Kaffeehaus vor der Arbeit. Deswegen bin ich überhaupt nicht am Laufenden. Seit ein paar Tagen ist er aber im Urlaub, und wir gehen regelrecht in Zeitungen unter. Dalmatien, Zagreb, Küste, jede Region ist vertreten. Ich meine nicht, dass ich mich bewusst ausgeschlossen hätte, das hat sich einfach so ergeben. Wenn man die Zeitung gratis zum Kaffee lesen kann, wäre man ja blöd, sie zu kaufen. Ich bin also unabsichtlich ins Abseits geraten, was die kroatischen Themen betrifft. Er hat einfach keine Zeitungen mehr nach Hause gebracht. Ich bin zwar eine neugierige Zeitgenossin, aber nicht so neugierig, um täglich Geld dafür auszugeben. Nicht so neugierig. Dann nahm sich mein Mann ein paar Tage frei. Da bildete er sich ein bzw. bildet sich immer noch ein, denn er ist noch im Urlaub, es wäre unangebracht, wenn er jeden Morgen ins Kaffeehaus ginge. Schließlich gebe es Urlaub, damit die Menschen die Gesellschaft anderer genießen können. Dabei haben wir uns noch nie darüber geeinigt, was Genießen eigentlich bedeuten soll. Er liest also die Zeitungen zuhause. Ich muss eingestehen, ich freue mich über diese Gelegenheit, ein Auge auf das aktuelle Geschehen in Kroatien zu werfen. Vielleicht hat sich in der Zwischenzeit etwas geändert, ohne dass ich es mitgekriegt habe? Dieses Prickeln in der Seele und das Bedürfnis, von den neuesten Nachrichten in den Bann gezogen zu werden, fühlt sich richtig gut an. Aber eine Frau, ich meine eine kluge Frau, damit will ich sagen, eine Frau, die ihren Ehemann wirklich kennt, wird ihren Wissensdurst nie offen vor ihm zeigen. Deswegen reiße ich ihm die Zeitung nicht aus der Hand mit den Worten: „Du kriegst den Autoteil, ich den Rest“. Nein, nein, nein! Frau muss die Sache langsam und mit Bedacht angehen. Zum Beispiel jetzt, er ist aufs WC gegangen, das ist schon 10 Minuten her. Ich habe nicht gleich eine Zeitung vom Stapel geschnappt, ich habe abgewartet. Ich habe gewartet, und gewartet, und gewartet… Wenn er länger brauchte… Er braucht länger. Er ist noch drinnen.

Ich blättere, und blättere, und blättere. Und blättere. Von Anfang bis Ende, vom Ende bis zum Anfang, und dann alles wieder von vorne. Zagreber Zeitung, Dalmatien. Küstenregion. Istrien. Es ist unfassbar! In allen Zeitungen steht dasselbe. Irgendwo ist das auch logisch. Wenn die Zeitungen alle in demselben Land herauskommen und dieselben Themen behandeln, wird wohl das Gleiche drinnen stehen. Das dürfte der Grund sein, warum auf jeder Seite einer jeden kroatischen Zeitung nackte Körperteile nackter Frauen zu sehen sind. Diese nackten Frauen haben nämlich keine Köpfe, sie haben nur Brüste, Hintern und Genitalien. Über der Muschi ist aber meistens ein künstlerischer, dunkler Schatten. Irgendwie fällt es mir schwer, mir ein Bild von den Ereignissen in Kroatien zu machen, indem ich mir die nackten Frauenkörper ansehe. Offenbar will das gekonnt sein, wie man sich zwischen den weit gespreizten Beinen, glänzenden Pobacken und entblößten Titten zu den Inhalten durchmanövrieren soll. Das will wirklich gekonnt sein! Ich kann es offensichtlich nicht, aber die kroatischen Zeitungsmacher werden wohl wissen, warum in den Zeitungen so viele glattrasierte Frauenbeine gespreizt sind. Diese Wahrheit haben sie sicherlich ihren Chefredakteuren gesagt, die Chefredakteure haben sie den Fotografen gesagt, und die Fotos sagen sie jetzt mir. Ich denke, und denke, und denke.

Ich denke wirklich angestrengt nach. Nackte, kopflose Frauen?! Nein, sie sagen mir nichts. Mir sagen sie nichts. Ich bin eine Frau, und Frauen schauen nicht gerne nackte, kopflose Frauenkörper an. Also muss die Botschaft wohl an die Männer gerichtet sein. An die kroatischen Männer. Und wer sind die kroatischen Männer? Das sind Wesen, die keine Fragen stellen, nicht in Streik gehen, keine Lohnerhöhung fordern, nicht das Parlament stürmen, um alle Vollidioten rauszuwerfen, auch nicht das Verfassungsgericht stürmen, um dort alle Vollidioten rauszuwerfen, und auch die geschlossene Tür, hinter der die Regierung berät, nicht eintreten, um dort alle Vollidioten rauszuwerfen. Die kroatischen Männer fordern keine Verurteilung kroatischer Großbetrüger, es versetzt sie nicht in Rage, wenn sie sehen, wie die kroatischen Neureichen ihre durchoperierten Nutten auf Luxusjachten herumfahren und sich an umzäunten Privatstränden vor illegal erworbenen Schlössern in der Sonne räkeln. Die kroatischen Männer fordern keine Erklärung, warum eine Schultasche 80 Euro kostet, warum ihre Töchter dem Professor die Muschi geben müssen, um bei der Prüfung an der Uni durchzukommen, warum ihre hochqualifizierten Söhne für in- und ausländische Arbeitgeber um 500 Euro im Monat schuften. Die kroatischen Männer stoßen sich nicht daran, dass marode Tankschiffe die Adria und die Küste verpesten und ein Fischsterben verursachen, die kroatischen Männer begrüßen US-amerikanische Schiffe in unseren Häfen und US-amerikanische Flugzeuge an unseren Flughäfen und über unserem Himmel. Mit ihrem kroatischen, männlichen Schweigen begrüßen sie die Entsendung unserer und serbischer junger Männer in den Irak, und das unter US-amerikanischer Flagge. Die kroatischen Männer stellen niemandem die Frage, ob wir im Krieg gegen die Serben gekämpft haben, um jetzt mit ihnen im Irak brüderlich auftreten und mit gemeinsamer Anstrengung den Amis den Arsch retten zu dürfen. Die kroatischen Männer finden es normal, dass die kroatischen Priester von Nichtgläubigen und vom Staat finanziert werden, dass für die kroatischen Priester ganze Paläste und Apartments errichtet werden und über die Tatsache, dass die kroatischen Priester praktizierende Pädophile sind, der Mantel des Stillschweigens gebreitet wird, als ob es sich um ein Staatsgeheimnis handelte. Die kroatischen Männer stört es nicht im Geringsten, dass sich in Kroatien ein heuchlerischer Katholizismus, der Gottes Gebote verschmäht, ausbreitet wie AIDS damals in Afrika. Die kroatischen Männer werden sich niemals fragen, wieviel Steuergeld aufgewendet wird, damit die Würdenträger Luxusautos fahren, in teuren Restaurants essen gehen und an abgelegenen Stränden im Alkoholrausch Buben ficken können. Die kroatischen Männer werden niemals auf die Straße gehen oder einen Aufstand machen, weil sie wissen wollen, woher die ganzen Drogen kommen, die sich unsere Jugendlichen in die Adern spritzen. Wer kann denn solche Unmengen an Drogen ins Land schmuggeln, wenn der größte Dealer nicht der Staat selbst oder regierungsnahe Kriminelle sind? Die kroatischen Männer werden in kroatischen Krankenhäusern an Krankenhauskeimen sterben ohne auch nur ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren. Die kroatischen Männer denken, dass sie kein Recht haben, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Die kroatischen Männer… Wer sind die kroatischen Männer? Das sind zurückhaltende Wesen, die jeden Morgen Titten und nackte, kopflose, Frauenkörper mit gespreizten Beinen in der Zeitung angaffen. Die kroatischen Männer sind Wichser. Ich blättere in der Zeitung. Ich blättere, und blättere, und blättere. Langsam und ohne Stress. Ich habe Zeit. Mein Mann ist noch immer am WC.

Titel des Originals: Drkam, dakle postojim

© Vedrana Rudan, https://www.rudan.info, FB: https://de-de.facebook.com/VedranaRudanBlog/about/

© Deutsche Übersetzung: Grozdana Bulov, Wien

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