Vedrana Rudan

Brief an den ungeborenen Sohn Ante

Titel des Originals: Pismo nerođenom Anti

Dieser Text von Vedrana Rudan wurde 2003 im Online-Portal „Nacional“ und in Vedrana Rudans Buch ”Kad je žena kurva/Kad je muškarac peder” („Wenn die Frau eine Nutte ist/Wenn der Mann eine Schwuchtel ist“) veröffentlicht.

Aus dem Kroatischen von Grozdana Bulov. Lektorat: Jelena Gazarek.

Kein Mann auf dieser Welt hat das Recht, auch nur ein einziges Wort über die Abtreibung zu verlieren. Jenen Patienten, die sich einbilden, dass ihre Meinung dazu maßgeblich sei, sollten wir Frauen folgendes erwidern: Lass meine Muschi in Ruhe!

„Dieser Text wird immer wieder hochaktuell, und zwar jedes Mal, wenn die Dealer der Angst beschließen, sich mit Frauenfragen zu befassen“, schreibt Vedrana Rudan in ihrer Vorbemerkung zum Text.

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Mein lieber Ante,

gestern habe ich dich abtreiben lassen; dieser dicke, untersetzte Gynäkologe hat dir die Kürette direkt ins Herz gerammt. Aber das ist nicht der Grund, warum ich dir schreibe.

Gestern Abend, da liege ich am Sofa vor dem Fernseher, Krämpfe, Schmerzen, Blut, und ich will mich zur Entspannung berieseln lassen, nach einer Abtreibung möchte man sich nämlich am liebsten zurücklehnen und hat keine Lust auf anspruchsvolles Programm. Doch dann, mein lieber Ante, springt mich ausgerechnet dieses Thema an… Abtreibung! Verstehst du?! Da packte mich dieses Bedürfnis, und ich sagte mir innerlich „Das ist jetzt genau das Richtige, sieh der Wahrheit ins Auge, Mami!!“.

Mein lieber Ante, vielleicht denkst du, dass es unfair von mir ist, dich Ante zu nennen, obwohl ich von Anfang an wusste, dass du nicht auf die Welt kommen würdest.

Damit hast du recht, aber ich will dir schreiben, und ich kann dich schlecht mit „mein liebes Abgetriebenes“ anreden. Ante – so hieß Darkos Großvater, und Darko ist dein Vater – der Großvater Ante hatte jedenfalls abstehende Ohren, die hättest du vielleicht geerbt, wenn du geboren worden wärest; macht ja nichts.

Zurück zum Thema, mein lieber Tony. Ich lümmle also am Sofa vor dem Fernseher, - Schmerzen, Krämpfe, Blut, Tabletten - da sagen plötzlich mehrere Stimmen halblaut das Wort Abtreibung, Abtreibung… Irgendwelche Leute vor den Kameras sprechen oft über die Abtreibung, das ist unser Lieblingsthema hier in Kroatien. Dabei wird immer mit gedämpfter Stimme gesprochen, fast geflüstert, offenbar aus Pietät gegenüber den Abgetriebenen, schließlich gebietet der Anstand, nicht herumzuschreien, wenn man über Tote spricht. Unter den Darstellern sind immer auch Frauen; eine Hälfte ist für die Abtreibung, die andere dagegen, und der Moderator ist meistens dagegen, aber das verheimlicht er natürlich, er sei nur wegen des Themas da und sein Standpunkt tue nichts zur Sache; der obligatorische Priester darf natürlich auch nicht fehlen, man kann doch nicht über Abtreibung sprechen ohne einen zölibatären Priester zu Rate zu ziehen.

Der ehrwürdige Mann in schwarzer oder dunkelgrauer Robe spricht mit sanfter Stimme, er schaut niemanden an, er schaut jeden an, wie eine Mutter Gottes an der Wand eines Museums, wo immer du bist, ist ihr wachsames Auge schon da. Ein Priester also. Eine Einführung, ein Kurzfilm zu Beginn, um diejenigen, die nicht wissen, was eine Abtreibung ist, aufzuklären. Der Muttermund wird geweitet, die Kürette eingeführt, alles hinausgesaugt, fertig. Soviel zur Technik.

Nach dem Aufklärungsfilm, mein lieber Ante, ging es gestern Abend sofort ans Eingemachte. Handelt es sich bei der Abtreibung eigentlich um Mord oder um … Oder um ….? Es ist doch immer das Gleiche: „Ihr könnt es nennen, wie ihr wollt, ihr Schlampen, aber ihr habt einen Menschen getötet“, sagen die Blicke des Priesters und des Moderators unisono. Ihre Münder sagen dasselbe, nur auf eine andere Art.

Danach eröffnen die Feministinnen, - und es wird dem Zuseher immer diskret zur Kenntnis gebracht, dass es sich um solche handelt – das Verteidigungsplädoyer. Nein, nein, wir töten doch niemanden, das ist kein Mensch, das ist keine Person, nein, nein! Sie denken, mein lieber Tony, dass du keine Person warst, als die Kürette deinen Kopf aufgesaugt hat, sondern ein Fötus, ein Embryo… Sowas in der Art.

Dann das Palaver. Ist das im Bauch eine Person, ja, nein, ja, nein, nach zehn Wochen noch nicht, nach zehn Wochen sehr wohl, es ist von Anfang an eine Person, ja, nein, bla bla bla… Schließlich gibt es einen Konsens, dass das, was wir Frauen im Bauch abtreiben lassen, eine Person ist und keine Person ist. Dann geht man zum nächsten Punkt über.

Hochwürdiger, fragt der Moderator voller Demut, nur damit wir das Thema aus allen Blickwinkeln betrachten, wenn eine Frau vergewaltigt wird oder von eigenem Vater gefickt wird, erkennt die Kirche dann das Recht der Frau auf Abtreibung an? Grundgütiger?!! Was für eine Frage?!! Welch Provokation?!! Die Kirche sei doch keine Institution, die ihren Standpunkt von heute auf morgen ändert, je nachdem, wer den Ständer kriegt!

Der Priester kriegt sich wieder ein und erklärt mit gesenkter Stimme, die Vergewaltigung sei eine große, eine sehr große Sünde, man könne mit Abtreibung, also einer kleineren Sünde, einer Sünde, meint er, mit einer Sünde könne man eine andere Sünde nicht ungeschehen machen!! Meine lieben Frauen, auch wenn ihr vom eigenen Vater gefickt wurdet, von einem Priester ganz zu schweigen, habt ihr das Kind auszutragen, auf die Welt zu bringen, euch den Vorurteilen zu stellen, so ist das Leben halt, der liebe Gott stellt euch damit auf die Probe, und wenn ihr fragt, warum gerade euch, weiß keiner eine Antwort, bla bla bla… Holy shit, mein lieber Tony!

Diese Welt ist so im Arsch, du kannst echt froh sein, dass du nicht geboren wurdest, sei froh! Ich sah mir diesen Zirkus gestern Abend an, und da kam mir der Gedanke, mein Liebling: Das ist doch die Gelegenheit, jetzt wo meine Wunde noch frisch ist, um dir alles zu sagen, was ich darüber denke, von Mutter zu Sohn quasi, scheiß auf die anderen.

Mein Liebes, ich sage es dir ohne Umschweife, ich habe dich umgebracht. Ich will mich nicht hinter Euphemismen verstecken, ich rede mir nicht ein, dass du keine Person warst, ich will dich nicht anlügen oder heuchlerisch sein, schließlich bin ich deine Mama. Tony, ich habe dich getötet!

Und - hör mir jetzt zu - ich fühle mich deswegen nicht schuldig. Wir Menschen sind Mörder! Die gesamte Menschheits- und Kirchengeschichte ist eine Geschichte des Mordens. Tony, ich habe dich getötet, weil ich weiß, dass mein Leben ohne dich schöner sein wird. So einfach ist das.

Warum andere Mütter andere Namen dafür verwenden? Weil sie gefickt sind, deswegen! Weil ihnen die Männer ein schlechtes Gewissen einreden! Sie sagen ihnen, ihr seid Mörderinnen, aber wir Männer verzeihen euch, wir nehmen es in das Gesetz auf, dass eure ungeborenen Kinder keine Personen sind, damit habt ihr ein Alibi, ihr Schlampen, wenn ihr euch vor die Kürette schmeißt!

Die lieben Männchen. Unsere lieben, allerliebsten Männchen. Unsere lieben, allerliebsten, edelmütigen Männchen. Wenn sie es sind die töten, wenn Priester Panzer segnen und große Waffen an den Gurten um ihre großen Bäuche stecken und damit in der Öffentlichkeit herumstolzieren, sind sie etwa keine Mörder?! Wenn es um Mord geht, Tony, welcher Mord ist OK, und welcher ist ein Verbrechen? Den Feind zu töten ist Landesverteidigung, aber eine Abtreibung ist Mord?!

Mein lieber Tony, siehst du, in was für einer Welt du nicht leben wirst?! Siehst du, dass du nichts versäumst?! Schon gut, ich weiß, dass du nicht sehen kannst, das ist halt blöd! Aber verstehst du, was deine Mama dir sagen will? Alle Menschen töten, Männer, Krieger, Priester, sie töten. Alle ohne Ausnahme! Der einzige Unterschied ist, dass wir Frauen, wenn wir töten, das Kreuz der Mörderin tragen oder den Mord mit einer Theorie über die Existenz einer Person rechtfertigen müssen.

Mein lieber Tony! Wenn Frauen töten, gelten sie als Mörderinnen, wenn Männer töten, gelten sie als Helden. Das ist es, mein Baby, was ich dir sagen möchte.

Schöne Grüße,

deine Mami und Mörderin

Titel des Originals: Pismo nerođenom Anti

© Vedrana Rudan, https://www.rudan.info, FB: https://de-de.facebook.com/VedranaRudanBlog/about/

© Deutsche Übersetzung: Grozdana Bulov, Wien

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