Vedrana Rudan:

Mein toter Vater

Titel des Originals: Moj mrtvi otac

Dieser Text wurde in Vedrana Rudans - noch nicht ins Deutsche übersetztem - Buch „Wenn die Frau eine Nutte ist/Wenn der Mann eine Schwuchtel ist“ (”Kad je žena kurva/Kad je muškarac peder”) sowie in Vedrana Rudans Blog veröffentlicht.

Dies ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache und erfolgt mit Erlaubnis der Autorin.

Aus dem Kroatischen von Grozdana Bulov. Lektorat: Jelena Gazarek

Vedrana Rudan: Mein toter Vater

„Mein Vater“, ich sehe schon, das Thema interessiert Sie nicht wirklich. Ist Ihr Vater ein ganz normaler Papa, der einmal sterben wird, wenn er ganz alt ist? Bis dahin jedoch bringt er Ihren Sohn in den Kindergarten und Ihre Tochter in die Gymnastikstunde? Oder ist er vielleicht schon vor langer Zeit gestorben und Sie haben sowohl ihn als auch sein verwuchertes Grab schon längst vergessen? Oder Sie ertragen den Gedanken nicht, dass Ihr Vater eines Tages sterben wird? Oder sind Sie so eine, die seinen Namen im Smartphone anklickt, wenn Sie knapp bei Kasse sind, obwohl er, achtzigjährig, von einer mickrigen Rente lebt, während Sie fünfzig und erwerbstätig sind? Vater? Väter?

Niemand spricht über sie. Aber ich muss Ihnen etwas erzählen. Mein Vater ist gestorben.

Als ich noch ein Mädchen war, flößte er mir Furcht ein, dieser grimmige Geizhals, der nie ein Eis kaufen wollte. Er kam die Holztreppe hochgelaufen, – wir wohnten in einem kleinen, zweistöckigen Haus – und schlug mit seinen schweren Arbeiterfäusten auf die Tür meines winzigen Jugendzimmers ein, während ich mich mit meinem ganzen Körpergewicht gegen die Tür stemmte, in der Überzeugung, dass er mich umbringen würde, wenn sie nachgibt. Und warum das Ganze?

Möglicherweise, weil man ihm gesagt hatte, dass ich auf einer Party auf der Dachterrasse des berühmten „Hotel Jadran“ gesehen wurde? Das Hotel Jadran war nämlich kein Platz für ein „anständiges“ Mädchen. Er schlief mit einer Pistole unter dem Kopfkissen, mit der er gerne vor meinem Gesicht hantierte. Die Nachbarn riefen die Polizei, die Polizisten beschlagnahmten die Pistole, er brüllte ihnen nach: „Ich habe auch eine Axt.“

Ich begriff nie, warum er mich totschlagen wollte, ich war mein Leben lang bemüht, die Frau zu sein, von der mein Vater träumte. Ich hielt die Jungs immer auf gebührlicher Distanz, ich war von meinem zwölften Lebensjahr an völlig selbstständig, ich fuhr als Einzige nicht auf die Maturareise, obwohl ich das Geld dafür selbst verdient hatte, schließlich gingen nur Nutten auf Maturareise.

Ich ging einem Studium nach und schloss es ab, ohne dass er es mitkriegte. Erst als ich meinen Sohn bekam, hörte ich auf, mich vor ihm zu fürchten. Er war verrückt nach dem Kleinen, er las ihm vor, nahm ihn auf den Schoß, kaufte ihm ganze drei Kugeln Eis. Mein Vater lachte, wenn er mit meinem Sohn zusammen war. Ich konnte seine Zähne sehen. Die beiden waren von morgens bis abends zusammen. Sie machten Spaziergänge, Angelausflüge, warfen Kieselsteine ins Meer, gingen in Cafès, mein Vater trank Weißwein, mein Sohn einen Schuss Kaffee mit viel Milchschaum.

Die Geburt meines Sohnes änderte allerdings nichts an dem Verlangen meines Vaters, mich zu verdreschen. Oft verpasste ich meinem Sohn eine Tracht Prügel, nur um mich an dem Blick meines Vaters zu weiden, der mich wie ein Killer mit angelegten Handschellen ansah.

Er hielt alle Frauen für dreckige Schlampen.

Als er noch bei vollen Kräften war, benutzte er seine Fäuste, später, als er älter wurde, spie er Gift und Galle und machte sich den Umstand zunutze, dass die Alten, auch noch so gehässig, nicht geschlagen werden dürfen. Er lebte allein, - meine Mutter hatte seinetwegen das Weite gesucht – und schenkte einem Menschen sein uneingeschränktes Vertrauen, der ihn noch im Sterbebett ausgeplündert hatte, während er für all jene, die ihm Gutes wollten, nichts als Misstrauen übrighatte.

Ich zähle mich keinesfalls zu den Letzteren.

Er starb vor wenigen Tagen in seinem sechsundachtzigsten Lebensjahr. Sie werden es kaum glauben: ich habe mehrere Jahrzehnte lang von seinem Tod geträumt. Ich malte mir aus, wie ich einen Champagner öffnen, lachen, einen Freudentanz auf der Straße aufführen, wildfremde Menschen küssen, frei atmen, den tiefen Schlaf der Gerechten schlafen würde… Schon in meiner Kindheit hatte ich mich Tagträumen hingegeben. Eine übermüdete Hebamme habe in der Geburtsklinik die Armbänder vertauscht, mein richtiger Vater würde eines Tages an die Tür dieses Hauses klopfen, meine Kinderhände in seine große, warme Hand nehmen, und mich aus diesem elenden Loch an der Adriaküste herausholen, für immer.

Mein Vater liegt nun tot in seinem Grab, mit wunderschönen Blumenkränzen bedeckt; die Blumen habe ich ausgesucht. Ich habe keinen Champagner geöffnet, ich habe nichts zu lachen, ich bin ruhelos, aufgewühlt, dabei sind alle Kosten schon bezahlt, kaum war die Rechnung da, rannte ich auch schon zur Bank; wenn ich mit der Zahlung eine halbe Stunde in Verzug geriete, könnte mein Vater womöglich noch aus seinem Grab auferstehen.

Es ist mir schon klar. Er liegt in seinem Grab, irgendwo, ich weiß nicht wo genau, ich bin nämlich nicht zur Beerdigung gegangen, aber ich habe die Todesanzeigen bezahlt, und zwar die teuersten, er soll ja nicht denken, dass ich geize; mein Name steht allerdings nicht darauf.

Er liegt dort irgendwo, und er wird niemals, wirklich niemals aufstehen, und trotzdem finde ich keinen Seelenfrieden. Wieso ist das nicht der glücklichste Augenblick meines ganzen Lebens?! Endlich, an dem kleinen, runden Kaffeetisch drüben an der Piazza sitzt kein alter Mann mehr, jener, der mich auf einem vergilbten Foto an der Hand hält. Wieso sind jedoch auf dem anderen Foto, das uns auf der Fähre zur Insel Rab zeigt, meine Hände um seinen Hals geschwungen? Wann ist dieser Bruch zwischen uns passiert? Wenn mein Vater nicht mein Vater gewesen wäre, wenn ich ihm zugehört hätte, wie eine Fremde einem Fremden zuhört, wenn er die Geschichten, die er vor seinen Freunden und seinen Frauen zum Besten gab, mir erzählt hätte, dann hätte auch ich gelacht.

Er war in sich selbst verliebt, in das Leben, Tanzen, Singen, Beisammensein, Angeln, Kochen, die Blumen, Tiere, seine Enkel. In seinem ganzen Leben hatte er niemals einen Vorgesetzten gehabt. Er war Gärtner, kümmerte sich um die Grünanlagen in einem kleinen Urlaubsort an der Adriaküste, er kannte den lateinischen Namen jeder einzelnen Blume.

Vor fünf oder sechs Jahren hatte meine Tochter sich gewünscht, eine Woche in den Sommerferien mit ihm zu verbringen. Mein Vater – sagen wir noch nicht: mein verstorbener Vater, denn das versetzt mich in Ungläubigkeit, - hatte ihr diesen Wunsch glatt abgeschlagen. Das würde ihn viel zu sehr aus der Ruhe bringen, meinte er.

Damit hatte er mich, zum wer weiß wievielten Male, völlig überrascht. Kann ein Mensch denn so viel Eiseskälte in sich tragen? Die Zeit heilt alle Wunden? Jede Wunde, die mein Vater mir zugefügt hat, blüht in meiner Seele. Sie glänzt. Scheint. Strahlt. Ich erinnere mich noch an alle Schläge, das Gebrüll, die finsteren Blicke, abschätzigen Bemerkungen, das höhnische Grinsen. Die Erkenntnis, dass ein solches Wesen dich in die Welt gesetzt hat, ist fürchterlich, entsetzlich, widerlich. Es ist nicht deine Schuld, aber dennoch fühlst du dich schuldig. Kann ein Vater so sein, ohne dass die Tochter auch nur ein bisschen Schuld daran hat?

Danach zog ich einen Strich und schloss mit dem bösartigen, alten Mann ab. Jahrelang hatten wir keinen Kontakt. Zwischenzeitlich war mir klargeworden: sein Urteil ist nicht das Maß aller Dinge, nicht alle Männer sind Schweine, ich muss die Wut und den Hass aus meinem Herzen verbannen, damit meine Kinder ohne Wut und Hass aufwachsen können. Mit der Zeit hatte ich sogar aufgehört, mich mit den Augen meines Vaters zu messen. Ich verschwendete kaum mehr Gedanken an ihn, deswegen hat mich sein Tod völlig aus der Bahn geworfen.

Mir ist weder zum Feiern zumute, noch fühle ich einen Glücksrausch, ich habe geweint, als mich niemand sehen konnte. Um ihn? Um mich selbst? Mein, seit wenigen Tagen toter, Vater ist für mich lebendiger denn je. Wie furchtbar ist das denn? Ist ein gewalttätiger Vater jemals wirklich tot?

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Titel des Originals: Moj mrtvi otac

© Vedrana Rudan, https://www.rudan.info, FB: https://de-de.facebook.com/VedranaRudanBlog/about/

© Deutsche Übersetzung: Grozdana Bulov und Jelena Gazarek, Wien

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