Dieser Text wurde in Vedrana Rudans - noch nicht ins Deutsche übersetztem - Buch „Wenn die Frau eine Nutte ist/Wenn der Mann eine Schwuchtel ist“ (”Kad je žena kurva/Kad je muškarac peder”) veröffentlicht.
Dies ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache und erfolgt mit Erlaubnis der Autorin.
Aus dem Kroatischen von Grozdana Bulov.
Ich bin eine alte Henne. Ich bin eine Frau, und ich gehe schon auf die 60 zu! Ich habe keine Enkel, meine Kinder genießen ihr Leben ohne ihre Mutter, sie essen in Restaurants, weil sie es sich leisten können, sie zahlen eine Putzfrau, die für sie saubermacht und bügelt, ich bin eine Mutter, die von ihren Kindern nicht gebraucht wird. Seit fünfunddreißig Jahren verheiratet. Ich weiß nicht, ob ich mit meinem Mann nicht vögeln will, weil wir schon seit fünfunddreißig Jahren das Bett teilen, oder ob meine Lustlosigkeit auf die Hormone zurückzuführen ist, die sich aus meinem Körper herausgeschlichen haben. Er will übrigens auch nicht vögeln. Mit dem allergrößten Vergnügen werde ich Ihnen im Folgenden meinen Körper beschreiben, den Sie weder in der Zeitung noch im Fernsehen sehen können. Beginnen wir mit dem Kopf. Auf meinem Kopf wachsen graue Haare, ich lasse sie alle drei Wochen in hellbraunen Tönen färben. Honigbraune Haare machen niemandem etwas vor, deswegen sehe ich nicht aus, als wäre ich erst 40. Ich färbe sie anstandshalber, um der Welt zu zeigen, schaut her, ich lasse mich nicht gehen, ich bemühe mich noch immer, jünger aussehen, als ich bin. Nur jung ist schön, nur ein junger Mensch weiß, was das Leben schönmacht. Junge Haut wird vom Sonnenlicht liebkost, alte Haut wird verbrannt, nur ein knackiger Po darf mit den Wellen der Adria spielen, der nächste Sommer kommt bestimmt, um der Schönheit der Jugend eine Bühne zu bieten: Zeig dich in all deinem Glanz!
Ein alter Mensch hingegen ist eine Zumutung für die Augen, Ohren, Nase. Unter meinen Augen hängen dicke Tränensäcke, meine Augen sind zu jeder Tageszeit trübe und glanzlos, obwohl ich weder trinke noch rauche. Meine Lippen werden immer schmaler, die Mundwinkel hängen, ich sehe wie eine beleidigte Leberwurst aus, obwohl ich das nicht bin. Frauen in meinem Alter sollten mit einem leichten Mona Lisa-Lächeln herumlaufen, heißt es in der Illustrierten, leicht gehobene Mundwinkel lassen jede Frau zehn Jahre jünger aussehen. Ich hebe meine Mundwinkel selten zu einem leichten Lächeln an, obwohl ich das weiß; ich bin vergesslich. Ist es das Alter? Oder Nachlässigkeit? Meine Zähne sind aus Porzellan, vollständig ausbezahlt, die Paradentose ist saniert, jetzt haben Sie mindestens zehn Jahre Ruhe, hat die Zahnärztin gesagt. Zehn Jahre? Zehn Jahre sind ganz schön viele Jahre in meinem Alter, wenn ich den Löffel abgebe, werden nur noch meine langlebigen Porzellanzähne übrigbleiben. Wenn die Totengräber das Grab ausheben, werden sie denken, dass die strahlend weißen Zähne zum Zeitpunkt des Todes im Mund einer jungen Person gesteckt haben. Sie lesen nicht, was auf dem Grabstein steht. Ich kann nur nach dem Tod wieder jung sein? Was für ein Scheißgefühl. Ich habe einen Freund, er heißt Micky und ist mein Jahrgang, er fragt mich immer, ob Silikonimplantate verwesen? Oder ob sie das einzige Körperteil sind, das von den jungen, busenoperierten Frauen zurückbleiben wird? Was für eine morbide Frage. Beim Anblick junger Frauen mit prallen Silikonbrüsten muss Micky zwangsläufig an einsame Silikonsäckchen tief in einem Grab denken, aber wieso eigentlich? Wieso denke ich an meine Porzellanzähne in einem – meinem - Grab? Leute in meinem Alter beschäftigen sich häufig mit dem Tod. Vielleicht ist Micky so ein morbider Griesgram geworden, weil ihm klargeworden ist, dass seine alten Hände nie wieder junge Silikontitten zu fassen bekommen werden? Nur Männerpfoten, die einem alten Mann mit einem Haufen Kohle gehören, dürfen das. Micky hat keine Kohle.
Der Hals? Mein Hals. Hängend. Das Dekolleté? Pigmentflecken. Die Titten? Langgezogene, flache Säcke. Nach dem Duschen müssen sie angehoben werden, damit die Haut darunter abgetrocknet werden kann. Der Bauch. Flach, ich esse nicht viel. Flach? Nicht auf die Art flach, wie bei jungen Frauen in meinem Umfeld. Mein Bauch ist ein weiches Brett, wie ein aufgequollenes Stück Holz, das von der Bora aus dem Meer an den Strand gespült wird. Wenn Sie nicht am Meer aufgewachsen sind, haben Sie jetzt keine Ahnung, wovon ich rede und wie mein Bauch aussieht, aber das macht nichts. Die Hüften? Schlabberig, mit Cellulite und Besenreisern in diversen violett-, blau- und dunkelroten Tönen. Die Knie? Knochig, zum Glück. Zum Glück? Ja, zum Glück, die meisten Frauen in meinem Alter haben Fettpolster an den Knien, die sie wegsaugen lassen wollen. Meine sind zu meiner großen Freude knochig. Warum freue ich mich darüber? Weil meine Knie jünger aussehen, als sie sind. Wie kann mein Leben schöner sein mit Knien, die jünger sind als ich? Kann ich etwa aufgeteilt werden auf meinen alten Körper ohne Knie und die jungen Knie? Wem könnte ich schon statt meinem Verblühen meine knochigen Knie unter die Nase halten und vor Glück trällern, Hey, wir sind dreißig? Vielleicht sollte ich mich nicht so viel über meine knochigen Knie freuen, aber ich tue es trotzdem? Die Waden? Das könnte Sie interessieren. Ich habe keine Krampfadern an den Waden, und Röcke sind gerade in Mode, also war ich bei der Kosmetikerin, um vor dem Sommer ein paar Flecken von den Waden wegbrennen zu lassen, ich habe keine Ahnung, ob es Altersflecken oder hässliche Zeugen aus meinen wilden Jugendjahren waren. Ich wollte diesen Sommer meine Waden zeigen, sie sind auch jünger als ich, von den Flecken mal abgesehen. Die Kosmetikerin behandelte die Flecken mit einem geeisten Stäbchen, das auf der Haut brannte. Das Prozedere tat höllisch weh. Mit dem Ergebnis, dass die Flecken jetzt wie ein schlimmer Ausschlag aussehen, wie bei Aidskranken, falls sie an den Waden den gleichen Ausschlag wie im Gesicht kriegen. Deswegen trage ich jetzt Hosen. Im Winter werde ich blickdichte, bunte Strumpfhosen anziehen und meine alten Beine in jugendlichen Stoff gehüllt zur Schau stellen. Die Knöchel? Geschwollen. Die Füße? Sie sind fünfzig.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil ich jeden Tag in der Stadt unterwegs bin, ich gehe auf den Markt einkaufen, mache Stadtspaziergänge, fahre täglich mit den Öffis, gehe ins Kaffeehaus, und das alles, ohne dass mich auch nur ein einziger männlicher Blick streift. Auch nicht zufällig. Die Martkständler, die mir Kartoffeln und Mangold verkaufen, beachten mich auch nicht. Sie schauen nur auf meine Hände, wenn ich das Geld zähle. Die Hände? Meine Hände. Meine Handrücken sind von dicken, blauen Adern durchzogen, fleckig, trocken, meine Nägel sind spröde, meine Hände sind noch älter als ich. Sollte ich deswegen traurig sein? Herumjammern, wie die anderen Frauen wegen ihrer dicken Knie? Ich sollte keine auffälligen Ringe tragen? Ich rege mich wegen meiner Hexenkrallen nicht auf, ich kann nicht junge, knochige Knie und gleichzeitig auch wunderschöne Hände haben, das wäre wirklich zu viel verlangt. Ja, ich bin eine verblühte Frau, aber keine verblühte Schönheit, ich war nie besonders schön. Die Sache hat auch etwas Gutes, das Alter hat mir die Schönheit nicht geraubt. Meine Altersgenossinnen, die echte Schönheiten waren, leiden immens unter ihrem Verlust.
Wieso erzähle ich Ihnen Details über meinen runzligen, fleckigen, weichen, schwabbeligen Körper, während Sie am Strand liegen und rund herum große, junge, pralle Titten sehen, deren Besitzerinnen ihre festen Schultern und ihre wohlgeformten Hüften einschmieren, und beim Lachen ihr gesundes, rosa Zahnfleisch zeigen? Ich will Ihnen sagen, ich bin eine glückliche Frau, dabei braucht mich niemand, und es sieht mich niemand an, die müde Dame, die mich aus dem Spiegel in der Umkleide anblickt, und gar nicht jung aussieht, obwohl sie eine Jeans anhat, kenne ich nicht. Hey, genießt doch den Anblick von schönen, jungen Menschen, mein alter Körper liegt unter dem Sonnenschirm, ich bin ganz in Ihrer Nähe, obwohl sie mich nicht bemerken, sie schauen mich an, aber sie sehen mich nicht, die Sonne liebkost meine Altersflecken, ich koste jeden Tag und jede Minute meines Lebens aus, dabei gehe ich auf die sechzig zu!! Finden Sie mich pervers?
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Titel des Originals: Ja sam stara koka
© Vedrana Rudan, https://www.rudan.info, FB: https://de-de.facebook.com/VedranaRudanBlog/about/
© Deutsche Übersetzung: Grozdana Bulov, Wien
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