Vedrana Rudan:

Tod

Titel des Originals: Smrt

Dieser Text wurde in Vedrana Rudans - noch nicht ins Deutsche übersetztem - Buch „Wenn die Frau eine Nutte ist/Wenn der Mann eine Schwuchtel ist“ (”Kad je žena kurva/Kad je muškarac peder”) veröffentlicht.

Dies ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache und erfolgt mit Erlaubnis der Autorin.

Ins Deutsche übersetzt von Grozdana Bulov.

Was wissen wir über den Tod? Kann die aufgedunsene Wasserleiche eines dicken Schwarzen, die in den Fluten über den Straßen von New Orleans treibt und in Dauerschleife auf unseren Fernsehbildschirmen erscheint, uns den Tod erklären? Ich empfinde keine Trauer wegen des dicken Mannes, er ist tot, weil er im grauslichen Amerika gelebt hat. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht, heißt es. Und ob er geht, der Krug, immer und immer wieder. Was ist aber eigentlich „Amerika“? Amerika, das ist eine Handvoll weißer Männer, die sich auf Kosten von Millionen solcher armer Teufel in den Staaten, die sich gemeinsam „Amerika“ nennen, schamlos bereichern, und deshalb konnten die Wasserkraftwerke und Staudämme nicht ordnungsgemäß gewartet werden; das den armen Teufeln geraubte Geld wurde in den US-amerikanischen Einmarsch in den Irak investiert, wo wiederum arme Teufel in den Kampf geschickt wurden, damit die genannten Männer mehrere Millionen Dollar täglich sich in die tiefen Taschen stopfen konnten, während sie die irakischen Erdölvorkommen plünderten und immer mehr unschuldige arme Teufel in den Tod schickten; nicht ein Cent des Profits wurde für die Erhaltung der altersschwachen Staudämme aufgewendet, eine Staumauer bekam einen winzigen Riss, so dünn, wie die Haare auf dem Kopf der Verbrecher, das schmutzige Wasser bahnte sich seinen Weg durch den Riss… Und veränderte die Welt. Auf eine seltsame Weise freue ich mich darüber. Eine dicke, schwarze Wasserleiche… Dieser Tod, einer von tausenden, vermeidbaren Toden, ist nur ein winziger Schritt, der ein Schwächeln und Verderben Amerikas ankündigt. Mein Sohn hat einen Gutteil seines Lebens in Amerika verbracht. Auch er freut sich mit mir. „Yeeeah! Das freut mich echt, Alte, jetzt sieht es endlich die ganze Welt: Amerika ist in Wahrheit nur Smoke and Mirrors!“ Smoke and Mirrors? Schall und Rauch. Das Amerika, das uns in den Medien und in der Werbung vorgegaukelt wird, existiert nämlich gar nicht. Die Häuser der erwähnten armen Teufel bestehen aus Pappe, und alle Amerikaner sind Systemsklaven. Ich hatte wirklich Angst vor Amerika. Sie haben den Irak überfallen, also war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch den Iran, Schweden, Deutschland, die Niederlande oder sonst irgend ein Land überfielen… Doch dann entstand der sprichwörtliche Riss in der Mauer…. Und es war kein US-Held zur Stelle, um die ganze Welt rechtzeitig zu retten. Weil die Geschichte von New Orleans kein Hollywood-Streifen ist, der sich PR-mäßig inszenieren lässt. Hallelujah! Welch Erkenntnis. Für einen einfachen Menschen wie mich wird das Leben plötzlich recht schön, während ich mir ansehe, wie die schmutzigen Fluten in Amerika das anrichten, was ich diesem Land schon so oft gewünscht habe. Den Tod.

Tod? Tod! Aber was ist der Tod?

Der Tod zog einige Zeit später auch in mein Leben ein. Ein gewöhnlicher, banaler, alltäglicher Tod, ein Tod, wie meiner oder Ihrer es mal sein wird, ein Tod, der uns alle früher oder später ereilen wird. Es war ein Tod, den uns die Ärzte vorhergesagt hatten, und der uns trotzdem völlig überraschte. „Es ist schwer zu sagen, liebe Frau T., aber wir schätzen, dass Sie noch circa sechs Monate haben.“ Weder die „liebe Frau T.“, der dieser Satz galt, noch wir, die wir uns um sie versammelt hatten, konnten mit dieser Aussage irgendetwas anfangen. Aber wir spürten in der Brust das plötzliche Auflodern einer ungeheuerlichen Angst, die mit jedem Tag, der verging, allmählich abnahm. Und die Tage vergingen gnadenlos. Gefüllt mit Medikamenteneinnahmen, Chemotherapie, fieberhafter Recherche im Internet, Anrufen beim Onkologen, Verzweiflung wegen der ausgefallenen Wimpern und Augenbrauen (die sicherlich wieder nachwachsen würden, es aber dennoch schöner wäre, wenn sie gar nicht erst herausgefallen wären), dem Aussuchen einer Perücke, dem Schalten der Fernsehkanäle und der Erleichterung darüber, dass überall auf der Welt Menschen starben, auch ohne dass ihre Lebenserwartung von einem Arzt bemessen worden wäre. Selbst Todesanzeigen verwandeln sich in Hoffnungsschimmer. Sieh dir das an, der ist schon gestorben, dabei hat er mich erst vor Kurzem noch bemitleidet!?

Folgt der Tod irgendwelchen Regeln? Gibt es irgendetwas auf dieser Welt, das wirklich vorhersehbar ist? Nehmt Amerika! Wer hätte vorausgesehen, dass eines Tages Haie und Alligatoren auf den Straßen einer US-amerikanischen Stadt schwimmen würden? „Sie haben vermutlich noch circa sechs Monate zu leben“, welchen Wahrheitsgehalt kann diese Voraussage haben? Kanadische Forscher haben ein Medikament gegen Lungenkrebs entwickelt, das sehr wirksam sei und nur in die kranken Körperzellen eindringe. Das neue Medikament töte nur die Krebszellen. Das war die zweite Breaking News, die uns an dem Tag erreichte, und zwar gleich im Anschluss an die Haie und Alligatoren und die aufgedunsenen Wasserleichen in New Orleans. Das war doch eine vielversprechende Nachricht! Und trotzdem… Der Husten will nicht aufhören, dein Atem wird immer kürzer, das Nachtkästchen füllt sich immer mehr mit Fläschchen und Wundermittelchen… Und dieses ständige Würgen, das nicht aufhört, obwohl du schon lange nichts mehr gegessen hast? Ein Anruf aus dem Krankenhaus, eine weitere Chemotherapie… Neeeeeeiiiiin! Nein!! Nein?! Nie wieder! Lieber sterbe ich als noch eine Chemotherapie zu machen! Sterben? Was bedeutet sterben? Wer weiß schon, was sterben ist? Wie können wir uns etwas wünschen, das wir gar nicht kennen? Was ist der Tod?

Ein todkranker Mensch begibt sich erst dann ins Krankenhaus, wenn das Atmen ihm noch schwerer fällt, als die Trennung vom trauten Heim und den geliebten Haustieren; wenn die körperlichen Schmerzen größer sind als der seelische Schmerz wegen der nicht getragenen Lieblingsschuhe und der neuen Herbstgarderobe, die man online bestellt hat, weil man nicht einkaufen gehen kann, aber ganz sicher bald wieder auf Beinen sein würde, sobald es einem bessergehe. Krankenhaus. Die Ärzte lächeln euch beiden, sowohl dir als auch deiner Schwester, freundlich zu. „Wir müssen ein paar weitere Untersuchungen machen, um Ihren Zustand genauer festzustellen“. Sie stimmt den Untersuchungen zu. Die Befunde sind gut. „Der Krebs hat noch keine Metastasen gebildet, wir geben Ihnen ein paar Infusionen, und dann wird alles gut, legen Sie sich hier auf den Rücken, machen Sie es sich bequem, ja, wir geben Ihnen auch etwas zum Einschlafen, es erschöpft schon sehr, wenn man zwei Wochen ununterbrochen hustet und erbricht, und vor lauter Sorge kein Auge zu machen kann“. Am nächsten Morgen stecken mehrere Nadeln im Körper der Patientin, ein Schlauch verschwindet in ihrer Nase, in dem durchsichtigen Behälter schäumt der Sauerstoff und es zischt und pfeift… Ein Pfeifen, wie kranke Lungen pfeifen. „Stell mir den Saft bitte nicht auf die Fensterbank, da komme ich nicht hin, es ist mir zu weit“. Die Fensterbank ist einen oder vielleicht zwei Meter vom Bett entfernt, der gesunde Mensch hat keine Ahnung, wie lang ein Meter sein kann. Ihr Mobiltelefon wird abgeschaltet. Sie kämpft um jeden Atemzug. Sie kann weder liegen, noch gehen, stehen, sitzen, sprechen, oder essen… „Bitte kommen Sie nicht mehr zu Besuch“, wirst du aufgefordert. Du gehst trotzdem hin. Du öffnest leise die Tür und siehst, wie sie halbliegend oder halbsitzend in dem Krankenbett zusammengekrümmt nach Luft ringt. „Herr Doktor“, sagst du zu einem Arzt, den du im Flur antriffst, „es scheint ihr nicht besser zu gehen, könnten Sie ihr etwas geben, um die Lungen ein bisschen zu weiten?“ „Sie hat keine Lungen mehr, die geweitet werden können“, erwidert der Arzt sachlich. Du verlässt das Krankenhaus. Wo sind denn die Taschentücher, wenn man sie braucht, du hast keine dabei, natürlich hast du keine dabei, weil dir der Satz: „Sie haben vermutlich noch circa sechs Monate zu leben“ gar nichts bedeutet hat. Du vergräbst deine triefende Nase in ein Taschentuch und wischt dir die Tränen aus den Augen und verdrängst die Kindheitserinnerungen, die hochkommen, die Patientin ist deine Schwester, aber es handelt sich weder um das freche Mädchen mit dichter Haarpracht, noch um die junge Frau im roten Brautkleid, noch um die Touristin, die dir auf einem Foto aus Rom fröhlich entgegenlächelt, noch um die glückliche Mutter, die ein kleines Mädchen an der Hand hält. Es handelt sich jetzt nur noch um einen Menschen, der im Sterben liegt. Nur? Im Sterben? Wieso bereitet uns keiner auf das Sterben und den Tod vor?! Wieso bin ich, eine gestandene Frau, vom Sterben und dem Tod so dahingerafft? Und wieso hatte ich mich so über den Tod freuen können? Was kann denn am Tod erfreulich sein? Oder gar gut? Wer glaubt, dem Tod etwas Gutes oder Erfreuliches abgewinnen zu können, der soll zuerst einen geliebten Menschen bis zu seinem Dahinscheiden begleiten. Und dann die Sache überdenken. So. Das wollte ich festhalten. Jetzt freue ich mich nicht mehr, wenn in Amerika oder anderswo der Tod um sich greift. Ich habe den qualvollen Erstickungstod meiner Schwester mit ansehen müssen. Ich habe daraus gelernt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und deswegen nehmen wir die Worte der Ärzte nicht ernst, das sollten wir jedoch. Falls ich aus dem Mund eines Arztes höre, Sie haben noch so und so viel zu leben, werde ich das nicht auf die leichte Schulter nehmen und mir denken, bei mir werde es anders sein. Ich besorge mir sofort starke Tabletten oder lege mir eine Pistole zu. Wenn ich nicht dement bin und das Vorhaben gleich wieder vergesse.

Heute machte ich einen entspannten Stadtbummel. Ich war beim Frisör und am Markt, wo ich mir eine kräftig-violette Gladiole kaufte. Ich begegnete vielen glücklichen Menschen, denen ich zurücklächelte. Kann es etwas Schöneres als den Altweibersommer geben?

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Titel des Originals: Smrt

© Vedrana Rudan, https://www.rudan.info, FB: https://de-de.facebook.com/VedranaRudanBlog/about/

© Deutsche Übersetzung: Grozdana Bulov, Wien

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