Diese Kurzgeschichte wurde im Band „Glavnom ulicom“ („Auf der Hauptstraße“) 2019 in Sombor, Serbien, veröffentlicht.
Dies ist die erste, nie zuvor veröffentlichte Übersetzung ins Deutsche.
Aus dem Serbischen von Grozdana Bulov. Lektorat: Jelena Gazarek.
Ich habe eine Schwäche für Schuhe. Mein Schuhschrank zuhause quillt über. Als wäre ich eine Frau, ich setze sie dem heiligen Gral gleich. Jedes Mal, wenn ich es mit der Schuhmenge übertreibe, mache ich einen Spaziergang in der Stadt. Ich gehe mitten auf der Straße. Ich beobachte die Menschen im Vorbeigehen. Auch sie beobachten mich, das spüre ich. Nach kurzer Zeit obsiegt die Scham, und ich treffe eine unwiderrufliche Entscheidung. Von dem Tag an verschenke ich sie selbstlos. Dort, wo sie wirklich gebraucht werden. Zuerst verschenke ich die neuesten, noch ungetragenen. Es fällt mir nämlich leichter, mich zu trennen, wenn ich mich noch nicht an sie gewöhnt habe. Danach setzt die große Erleichterung ein. Ich habe mehr als genug. Manchmal kaufen wir uns mit Geld alles, außer Glück, wie die Freude, die mich erfüllt, wenn ich Schuhe verschenke.
An diesem Nachmittag gehe ich mit meiner Frau auf der Hauptstraße spazieren. Eine magische Kraft zwingt mich vor einer Auslage voll mit Schuhen, wie angewurzelt stehenzubleiben. Ich kann den Blick nicht abwenden. Sie, die Allerschönsten bisher, strahlen an ihrem zentralen Platz in der Auslage. Als würden sie mir zuwinken und mich auffordern, hineinzutreten. Ich ziere mich ein bisschen, der guten Ordnung halber. Wie ein verliebtes Mädchen beim ersten Date. Meine Frau hat alles längst begriffen und lenkt mich langsam zur Ladentür. Die Verkäuferin ist überaus freundlich. Ich probiere die Schuhe an. Sie sind perfekt. Gekauft! Sie sind so bequem, dass ich sie gar nicht ausziehen möchte. Stattdessen werden meine alten in den Karton gepackt. Meine Frau nutzt die Gelegenheit, um Sandalen zu kaufen, obwohl bald Winter ist. Ich sage nichts. Kann man immer gebrauchen. Wir teilen dieselbe Leidenschaft.
Jeder mit seiner Einkaufstasche in der Hand, treten wir auf die Straße hinaus. Auf dem halben Weg nach Hause habe ich plötzlich das Gefühl, als ob ich ein kürzeres Bein hätte. Ich blicke hinunter. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass der linke Schuh fehlt. Ich muss ihn in der Hektik und Aufregung irrtümlich neben dem Tresen ausgezogen und dort vergessen haben, als ich mir die Schuhbänder gebunden hatte. Schnellen Schrittes gehen wir zurück in den Laden.
„Nein, nein, Sie hatten beide Schuhe an, als Sie weggingen“, meint die Verkäuferin und sieht mich besorgt an.
Völlig durch den Wind, reiße ich den Schuhkarton auf und blicke hinein. Leer! Die alten Schuhe sind auch weg. Wie von Geisterhand. Ich bin bereit, ein weiteres Paar zu kaufen. Ich kann doch nicht barfuß auf der Straße laufen.
„Es tut mir so leid, aber das war das letzte Paar.“
Meine Frau redet auf mich ein, ich solle mir ein anderes Paar aussuchen. Rund um mich liegen unzählige wunderschöne Modelle. Aber ich bin stur wie ein Bock. Entweder die, oder gar keine! Den rechten Schuh nehme ich ab und stecke ihn in den leeren Karton. Mit einem Schuh sieht das völlig bekloppt aus. Ich verlasse das Schuhgeschäft in Socken. Die Augenlider halte ich halbgeschlossen, um den verwunderten Blicken auszuweichen.
Durch das helle Bellen des Hundes beginnen die Augenlider zu zucken. Mein Hund Lole steht vor meinem Bett und wedelt fröhlich mit dem Schwanz. Die Leine hält er schon im Maul bereit. Offenbar ist es Zeit für den morgendlichen Spaziergang. Ich spüre, wie mich etwas unter der Lende drückt. Ich hole meinen linken Schuh hervor. Der rechte liegt am Boden neben dem Bett. Ich stehe auf.
Da schau her, na sowas, gestern Abend habe ich vergessen, die Socken auszuziehen.
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Dušan Savić: Schuhe
Titel des Originals: Cipele
© Deutsche Fassung: Grozdana Bulov und Jelena Gazarek, Wien
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